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Krankheitserreger als Waffe: Sind wir in Gefahr?

Veröffentlicht am: 02.10.2022 17:04:33
Kategorie : Allgemein , News

30.09.2022 - Der Ukraine-Krieg führt uns vor Augen, dass auch Mitteleuropa verwundbar ist. Wie real ist die Gefahr durch militärisch oder terroristisch missbrauchte Krankheitserreger? Und wer könnte sie einsetzen? Der Chef-Virologe der Bundeswehr zeichnet im Interview mit uns ein Lagebild.

„Den Schwerpunkt der Bedrohung sehen wir weniger bei staatlichen Akteuren, sondern vielmehr im Bereich von Terrorgruppen“: Prof. Dr. Roman Wölfel, Leiter des Institut für

Mikrobiologie der Bundeswehr, das 2020 auch den ersten Coronafall in Deutschland feststellte. 

Milzbrand, Pest und Marburg-Fieber – aber auch genetisch manipulierte Grippeviren: Alle Bakterien, Viren oder Biotoxine, die Menschen potenziell krank machen, kommen theoretisch für Kriegsführung oder terroristische Anschläge infrage. Bestimmte Erreger eignen sich besonders, denn sie sind robust, über die Luft leicht übertragbar, und sie lösen eine bestimmte Krankheitsschwere aus. Experten sprechen vom „dreckigen Dutzend“. Die biologischen Kampfstoffe gelten (zusammen mit den chemischen) zugleich als „Massenvernichtungswaffen des kleinen Mannes“, denn an ihre „Rohstoffe“ kommt man leichter heran als bei Atomwaffen. Erreger gibt es in der Natur – oder in Erregerbanken oder Laboren wie im chinesischen Wuhan, dem Ort, in dem die Corona-Pandemie ihren Anfang nahm. Wie groß ist die Bedrohung durch militärisch oder terroristisch missbrauchte Krankheitserreger? Und wie real? Und wer sind mögliche Akteure?

Bundeswehr-Institut diagnostizierte Deutschlands ersten Corona-Fall

Oberstarzt Prof. Dr. Roman Wölfel ist Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Dessen Aufgabe ist es, Verfahren und Maßnahmen zum Schutz von Soldaten vor biologischen Kampfstoffen und anderen gefährlichen Krankheitserregern zu entwickeln. Dafür betreibt die Einrichtung wissenschaftliche Forschung zu einem breiten Spektrum von Infektionserregern und Biotoxinen, die als biologische Kampfstoffe missbraucht werden könnten. Im Januar 2020 diagnostizierte das Institut auch den ersten Corona-Fall Deutschlands.

Interview mit Prof. Dr. Roman Wölfel

Zu Beginn des Ukraine-Kriegs beschuldigte Russland die Ukraine, ein Netz von etwa 30 Laboratorien zu betreiben, in denen Bio-Waffen hergestellt werden – ein Punkt für die Rechtfertigung der  sogenannten militärische Spezialoperation. Und ein neuerliches Beispiel dafür, dass Russland seit Jahren gerne vor Gefahren bei anderen warnt, die es dann später möglicherweise selbst erzeugt. Müssen wir Gänsehaut bekommen?

Dass es in der Ukraine biologische Waffenlabore gäbe – dafür gibt es überhaupt keine Anhaltspunkte. Die Vorwürfe, die Russland erhebt, auch auf internationaler Bühne, sind in keiner Weise substanziell hinterlegt – sie sind absurd. Das sind einfach nur irgendwelche Anschuldigungen, die ich im Rahmen einer allgemeinen Propagandakampagne dieses Überfalls auf die Ukraine sehe.

Aber ist es nicht denkbar, dass Russland seinerseits Bio-Waffen einsetzen könnte?

Atomare, biologische und chemische Waffen – A-, B- und C-Waffen – sind alles Massenvernichtungswaffen. Alle sind international geächtet. Die Atommächte verfügen über Atomwaffen, sicher, aber  die Entwicklung, Bevorratung und insbesondere auch die Anwendung von biologischen und chemischen Waffen oder Kampfstoffen zu kriegerischen Zwecken ist grundsätzlich verboten. Dazu gibt es ein internationales Übereinkommen – und das ist schon sehr alt: Es stammt aus den 1970er-Jahren. Nahezu alle Staaten der Welt sind mittlerweile beigetreten. All diese Länder haben versichert, dass sie keine aktiven biologischen Waffenentwicklungsprogramme besitzen. Nordkorea und Israel etwa gehören nicht zu den Unterzeichnerländern – Russland aber schon.

Darf man den offiziellen Beteuerungen aus Moskau glauben?

Die Sowjetunion und auch die USA hatten im „Kalten Krieg“ Biowaffenprogramme. Beide Programme sind aber im Rahmen des B-Waffen-Übereinkommens in den 70er- beziehungsweise 90er-Jahren beendet worden. Die Sowjetunion hatte zwar das Übereinkommen zunächst unterschrieben, aber ein Programm im Geheimen weiter betrieben, wie in 90er-Jahren bekannt wurde. In der Ära Gorbatschow wurde es endgültig beendet. Das letzte biologische Waffenprogramm eines Staates, von dem wir wissen, war das „Project Coast“ in Südafrika. Noch in der Zeit des Apartheid-Regimes gab es tatsächlich staatliche Aktivitäten, um Krankheitserreger gegen Gegner des Regimes zu entwickeln und einzusetzen. Aber auch das ist mittlerweile offengelegt worden.

Trotzdem kursiert sich die These, biologische und chemische Waffen seien „die Massenvernichtungswaffe des kleinen Mannes“. Erreger zu züchten oder Chemikalien zu brauen, ist ja deutlich einfacher als High-Tech-Atomwaffen herzustellen. Und auf der Website Ihres Instituts heißt es, es habe den Auftrag, „wissenschaftliche Forschung zu einem breiten Spektrum von Infektionserregern und Biotoxinen zu betreiben, die potenziell als biologische  Kampfstoffe missbraucht werden könnten“.

Ja, das stimmt im Grundsatz auch. Trotzdem sehen wir, Stand von heute, den Schwerpunkt der Bedrohung weniger bei staatlichen Akteuren, sondern vielmehr im Bereich von Terrorgruppen. In solchen Kreisen zirkulieren Anleitungen, wie man so einen Krankheitserreger am besten herstellt oder ein biologisches Gift. Hier besteht momentan ein zwar überschaubares, aber doch erkennbares Risiko.

Was macht Krankheitserreger für Terroristen interessant?

Biologische Kampfstoffe, Krankheitserreger, haben immer auch ein zusätzliches  Schreckenspotenzial. Menschen geraten in Sorge – allein nur, wenn man mit so etwas droht. Dementsprechend sind sie für Terrorgruppen vom besonderem Interesse.

An welche radikalen Milieus oder Terrorgruppen denken Sie?

Wir wissen, dass der Islamische Staat IS, aber auch andere islamistische Terrorgruppen, durchaus Interesse haben an biologischen, aber auch an chemischen Kampfstoffen. Da gab es Aktivitäten in den vergangenen Jahren, die aufgedeckt wurden – zum Beispiel den Versuch, Rizin herzustellen [Anm. hochgiftiges Protein aus den Samen des Wunderbaums]. Bei uns in Deutschland wurde 2018 so einen Versuch in Köln-Chorweiler vereitelt. Aber auch in anderen Bereichen der Welt gab es immer wieder Aktivitäten, Krankheitserreger auch gegen Menschen einzusetzen. Im syrischen Bürgerkrieg hatte der IS wohl entsprechende Planungen, die aber aufgedeckt worden sind.

Welche Erreger oder Biotoxine eignen sich  für Kriegsführung oder Anschläge?

Grundsätzlich kann alles, was Menschen krank machen kann, auch missbraucht werden. Bestimmte Erreger eignen sich besonders, weil sie zum Beispiel eine bestimmte Robustheit haben, weil sie eine entsprechende Krankheitsschwere auslösen oder weil sie leicht über die Luft übertragbar sind. Man spricht da immer vom „dreckigen Dutzend“. Da zählt natürlich der Milzbrand dazu, aber auch eine ganze Reihe von anderen Bakterien, Viren und eben auch biologischen Giften: der Erreger der Pest, die Brucellose, Krankheiten wie Rotz und Pseudo-Rotz, klingt alles ein bisschen komisch. Bei den Viren sind es das Marburg-Virus gewesen und das Pockenvirus. Das ist aber eine historische Zusammenstellung, die sich nur darauf bezieht, was in diesen – mittlerweile nicht mehr fortgesetzten Biowaffen-Programmen der Supermächte des Kalten Krieges – entwickelt worden ist.

Es gibt ganz viele Krankheitserreger, von denen theoretisch denkbar wäre, dass man sie zu biologischen Kampfstoffen weiterentwickelt am Ende. Man könnte zum Beispiel einen Influenza-Stamm genetisch so verändern, sodass auch Menschen, die bisher dagegen geimpft waren, gegen dieses neue Influenza-Virus keinen Schutz mehr besitzen. Das ist ja ein Vorgang, der auch natürlicherweise passiert. Darum brauchen wir jedes Jahr einen neuen, etwas anders zusammengestellten Impfstoff, weil sich der Erreger verändert. Aber wenn man das noch künstlich ein wenig verstärkt, wäre das etwas, was bösartig verwendet werden könnte.

Wenn es so viele Erreger gibt: Warum gibt es offensichtlich so wenig Versuche, sie für Kriege oder Anschläge zu nutzen?

Krankheitserreger bedrohen immer auch die eigenen Kräfte, die eigene Bevölkerung, wenn Sie keinen Impfstoff dazu haben. Das ist das Grundproblem. Wenn man einen Krankheitserreger freisetzt, hat man immer die Schwierigkeit, den unter Kontrolle zu halten, denn dem Krankheitserreger ist es ziemlich egal, wen er infiziert. Das Sars-Coronavirus-2 ist ein gutes Beispiel dafür: Ein Virus kam neu in die Menschheit und hat sich weltweit verbreitet.

Der zweite Punkt ist: Ich brauche einen Erreger, muss ihn vermehren und dann einen technischen Weg finden, um ihn massenhaft unter Menschen zu verteilen. Bei biologischen Waffen ist das ein komplexes Unterfangen.

Was heißt das im Detail?

Nehmen wir den klassischen Bio-Waffen-Erreger, den Milzbrand. Das ist ein Bakterium, das überall auf der Welt natürlicherweise vorkommt und bei Tieren und Menschen immer wieder zu Ausbrüchen führt. In der Fell verarbeitenden Industrie kommt es immer wieder zu Hautmilzbrandfällen – es ist eine Berufskrankheit von Gerbern. Diesen Erreger können Sie anzüchten im Labor, in einer Petrischale mit einem roten Nährmedium drin. Da wächst dann grau-weiß ein Bacillus anthracis drauf. Aber das ist weder ein Kampfstoff noch eine Biowaffe. Das ist einfach nur der Krankheitserreger auf einem Nährboden. Damit können sie erst mal keinem etwas tun.

Welche Prozesse sind nötig, damit der Erreger zu einer Art Waffe wird?

Wenn Sie ein Pulver haben wollen, um es Ausbringen zu können, müssen Sie noch ganz viele Fragen lösen – biotechnologische und waffentechnische: Wie stabilisiere ich diesen Krankheitserreger gegen die Sonnenstrahlung oder Austrocknen? Die Umwelt ist ja nicht nur freundlich zu Bakterien und UV-Strahlung kann sie deaktivieren. Wie verteile ich so etwas besonders fein, damit es gegen viele meiner Gegner wirksam ist? Zur Veranschaulichung: Sie können in Ihrem Hinterhof eine kleine Menge Bier brauen. Das ist dann unfiltriert und Sie haben vielleicht zehn Liter. Aber das entspricht nicht dem hochtechnologischen Produkt einer Großbrauerei, die das in Größenordnungen von tausenden von Hektolitern herstellt. Biologische oder auch chemische Waffen sind sicher einfacher herzustellen als Nuklearwaffen – aber kompliziert ist es immer noch.

In einer offenen und freizügigen Gesellschaft sind oft viele Menschen an einem Platz (Beispiel: Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz). Und jeder kann überall hin (mit etwas Gewalt oder Dreistigkeit auch zum Beispiel in einen Trinkwasserspeicher). Wo und wie sehr und sind wir verwundbar?

Trinkwasser – daran denken viele Menschen, wenn es um Anschläge mit biologischen Kampfstoffen geht. Aber ich kann Sie beruhigen: Es ist gar nicht so einfach, Trinkwasser bewusst mit Krankheitserregern zu versetzen – das verdünnt sich so immens. Der Anschlag auf den russischen Ex-Agenten Litwinenko 2006 in London zeigt: Wenn ich jemandem Polonium in den Tee kippen kann, könnte ich das auch mit einem Krankheitserreger machen. Diese Person wird auch eine relativ hohe Menge von diesem Krankheitserreger aufnehmen. Aber dann habe ich aber nur einen einzelnen Menschen angegriffen.

Versuche ich aber ein ganzes Trinkwasserdepot mit einem Krankheitserreger zu versetzen, dann ist es einfach, sich ausrechnen, wie viele Krankheitserreger es braucht, damit auch noch ein Mensch krank wird, und man merkt schnell: Trinkwasserdepots sind ziemlich groß, Trinkwasserleitungen ziemlich lang – und Krankheitserreger halten nicht so lange durch wie gedacht. Wenn bei Flutkatastrophen, nach Erdbeben oder bei kriegerischen Auseinandersetzungen Abwassersysteme zerstört werden, dann dringen in großer Menge zum Beispiel Fäkalien ins Trinkwasser ein – und diese Verseuchung bedeutet in der Tat eine massive Gesundheitsgefahr für viele. Das ist aber eben kein Angriff, sondern eine Naturkatastrophe. Natürliche Gefahren durch Infektionserreger sind eben viel wahrscheinlicher als die durch biologische Kampfstoffe.

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