AVA-PRAXISLEITFADEN für Landwirte: Shamonda-Virus im Rinderbestand

Worauf Milchviehhalter, Betriebsleiter und Herdenmanager jetzt achten sollten
SHAV-EU1 und SHAV-EU2: Neue, durch Gnitzen übertragene Viren sind in Deutschland angekommen (c) AVA) - (Stand: September 2026)

Woran könnte ich erkennen, dass in meinem Bestand ein solches Virusgeschehen eine Rolle spielt?

Dieser AVA-Beitrag versucht etwas Licht ins Dunkel zu bringen,

KASTEN 1 – DAS WICHTIGSTE IN 60 SEKUNDEN

Was muss ich als Rinderhalter wissen? 

In Deutschland zirkulieren inzwischen zwei unterschiedliche Varianten eines mit dem Shamonda-Virus verwandten Orthobunyavirus: SHAV-EU1 und SHAV-EU2. 

Übertragen werden diese Viren sehr wahrscheinlich hauptsächlich durch Gnitzen (Culicoides) – also dieselben kleinen blutsaugenden Insekten, die auch bei anderen bedeutenden Tierseuchen eine Rolle spielen.

Bei diesen Beobachtungen sollten Sie aufmerksam werden:

bei erwachsenen Rindern

  • plötzliches Fieber,
  • deutlicher, nicht erklärbarer Milchleistungsabfall,
  • Durchfall,
  • Mattigkeit,
  • mehrere ähnlich erkrankte Tiere innerhalb kurzer Zeit.

besonders wichtig bei tragenden Tieren

  • Abort,
  • Totgeburt,
  • Frühgeburt,
  • lebensschwaches Kalb,
  • Kalb mit angeborenen Fehlbildungen.

Die wichtigste Regel:

BEOBACHTEN → DOKUMENTIEREN → TIERARZT INFORMIEREN → UNTERSUCHEN LASSEN

Der Landwirt muss keine Diagnose stellen.

Aber er ist häufig der Erste, der erkennt:

„Hier stimmt etwas im Bestand nicht.“


 

1. Was ist passiert?

Noch Anfang August 2026 war von einem neuartigen „Shamonda-like-Virus“ die Rede, das erstmals bei Rindern in Süddeutschland nachgewiesen worden war.

Inzwischen wissen wir deutlich mehr.

Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) unterscheidet mittlerweile zwei genetisch unterschiedliche Varianten:

Shamonda-Virus Europe 1 – SHAV-EU1 und

Shamonda-Virus Europe 2 – SHAV-EU2.

Nach aktuellem Kenntnisstand handelt es sich nicht lediglich um die Weiterverbreitung einer einzigen Virusvariante. Das FLI geht vielmehr von zwei voneinander unabhängigen Einschleppungs- und Ausbreitungsereignissen aus.

Die zuerst nachgewiesene Variante SHAV-EU1 trat zunächst vor allem in Süddeutschland sowie in der Schweiz und Frankreich auf.

Die zweite Variante SHAV-EU2 wurde anschließend in Rinderproben unter anderem aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Thüringen gefunden.

Die Verbreitungsgebiete können sich inzwischen überschneiden.

Für den Landwirt ist die genaue virologische Einordnung allerdings weniger entscheidend als die praktische Frage:

Woran könnte ich erkennen, dass in meinem Bestand ein solches Virusgeschehen eine Rolle spielt?


 

2. Die tägliche Tierbeobachtung wird besonders wichtig

Viele Infektionskrankheiten kündigen sich nicht mit einem eindeutigen Symptom an.

Das gilt auch für Shamonda-Virus-Infektionen.

Ein einzelnes Tier mit Durchfall hat nicht automatisch SHAV.

Eine Kuh, die plötzlich weniger Milch gibt, ebenfalls nicht.

Und auch Fieber kann sehr viele Ursachen haben.

Entscheidend ist deshalb häufig nicht das einzelne Symptom, sondern das Muster im Bestand.

Der Herdenmanager sollte aufmerksam werden, wenn innerhalb relativ kurzer Zeit mehrere normalerweise nicht miteinander verbundene Auffälligkeiten auftreten.

Beispiel:

Mehrere Kühe zeigen innerhalb weniger Tage erhöhte Körpertemperaturen. Gleichzeitig sinkt bei diesen Tieren die Milchleistung deutlich und einige Tiere entwickeln Durchfall.

Das ist noch keine Diagnose.

Aber es ist ein guter Grund, den Hoftierarzt zu informieren.


KASTEN 2 – DIE DREI WARNSIGNALE BEIM ADULTEN RIND

Besonders aufmerksam werden bei:

FIEBER    +    PLÖTZLICHEM MILCHLEISTUNGSABFALL    +    DURCHFALL

Vor allem wenn mehrere Tiere innerhalb kurzer Zeit betroffen sind, sollte der betreuende Tierarzt informiert werden.

Wichtig:

Diese Kombination beweist keine Shamonda-Virus-Infektion.

Andere Infektionskrankheiten und zahlreiche weitere Erkrankungen können ähnliche Symptome verursachen.

Die Diagnose stellt nicht der Landwirt – sondern Tierarzt und Labor.


3. Nutzen Sie das „Frühwarnsystem Milchleistung“

Gerade in modernen Milchviehbetrieben steht ein ausgesprochen empfindliches Frühwarnsystem zur Verfügung:

die Milchleistung.

Bei einem akuten Infektionsgeschehen kann ein deutlicher Leistungsabfall auftreten, bevor sich das Gesamtbild der Erkrankung vollständig entwickelt hat.

Deshalb lohnt sich ein genauer Blick in das Herdenmanagementprogramm.

Nicht nur fragen:

„Wie viel Milch fehlt heute im Tank?“

Sondern:

    • Welche Kühe haben plötzlich Milch verloren?
    • Wann begann der Leistungsabfall?
    • Sind Tiere derselben Gruppe betroffen?
    • Haben diese Kühe gleichzeitig Fieber oder Durchfall?
    • Gab es innerhalb weniger Tage mehrere vergleichbare Leistungseinbrüche?

Besonders aussagekräftig wird die Information, wenn sie mit weiteren Daten verknüpft wird.

Dazu gehören Körpertemperatur, Futteraufnahme, Wiederkauaktivität, Aktivitätsdaten, Trächtigkeitsstatus und gegebenenfalls weitere Sensorinformationen.

Ein einzelner Wert ist selten beweisend.

Die Kombination mehrerer Auffälligkeiten kann dagegen ein wertvolles Warnsignal sein.


4. Besonders wichtig: die tragende Kuh

Für die Rinderhaltung könnte die größte Bedeutung des neuen Virusgeschehens möglicherweise weniger in der kurzfristigen Erkrankung erwachsener Kühe liegen als in den möglichen Folgen einer Infektion während der Trächtigkeit.

Shamonda-Viren gehören zur Simbu-Gruppe der Orthobunyaviren.

Aus dieser Virusgruppe ist bekannt, dass Infektionen während bestimmter Entwicklungsphasen des Fetus schwere Folgen haben können.

Inzwischen liegen auch bei Shamonda-Virus-Infektionen Hinweise und Befunde vor, die eine Übertragung auf den Fetus und damit verbundene Schäden belegen.

Mögliche Folgen sind:

  • Aborte,
  • Totgeburten,
  • Frühgeburten,
  • lebensschwache Neugeborene,
  • Fehlbildungen des Bewegungsapparates,
  • Fehlbildungen des zentralen Nervensystems.

Bei betroffenen Kälbern können beispielsweise Fehlstellungen bzw. Versteifungen von Gliedmaßen sowie Veränderungen an Wirbelsäule, Hals und Gehirn auftreten.

 

Für den Betriebsleiter entsteht dadurch ein besonderes Problem:

Infektion und sichtbare Folge können zeitlich weit auseinanderliegen.

Eine Kuh kann während der Gnitzensaison eine nur kurze oder kaum bemerkte Erkrankung durchmachen.

Die mögliche Schädigung des Fetus wird unter Umständen erst viel später beim Abort oder bei der Geburt sichtbar.

Deshalb ist eine gute Dokumentation so wichtig.

 


KASTEN 3 – ABORT ODER TOTGEBURT:                           

NICHT VORSCHNELL ENTSORGEN!

Ein Abort, eine Totgeburt oder ein missgebildetes Kalb kann für die Diagnostik außerordentlich wertvolles Untersuchungsmaterial darstellen.

Deshalb:

1. Tierarzt informieren.

2. Fetus bzw. relevantes Untersuchungsmaterial zunächst sichern.

3. Nicht eigenmächtig Proben entnehmen, wenn das weitere Vorgehen unklar ist.

4. Tierarzt entscheiden lassen, welches Material untersucht werden soll.

5. Besamungsdatum und Trächtigkeitsdauer bereithalten.

6. Prüfen: Gab es Wochen oder Monate zuvor Fieber, Durchfall oder auffällige Milchleistungsabfälle im Bestand?

Merksatz:

Was nicht untersucht wird, kann auch nicht diagnostiziert werden.


 

5. Jetzt werden alte Daten plötzlich wertvoll

Angenommen, im Dezember oder Januar wird ein missgebildetes Kalb geboren.

Dann reicht die Information

„Die Kuh war eigentlich immer gesund“

für eine epidemiologische Beurteilung möglicherweise nicht aus.

Interessanter kann sein:

Was geschah Monate zuvor?

Gab es während der Trächtigkeit einen kurzen Fieberschub?

Hatte die Kuh plötzlich mehrere Liter Milch verloren?

Trat damals bei mehreren Kühen gleichzeitig Durchfall auf?

Gab es im Bestand ein Krankheitsgeschehen, das nach wenigen Tagen wieder verschwunden war?

Genau deshalb sollten auffällige Ereignisse während der Gnitzensaison dokumentiert und möglichst mit den Reproduktionsdaten verknüpft werden.

Ein modernes Herdenmanagementprogramm kann dabei einen erheblichen Nutzen haben.


6. Was sollte der Herdenmanager dokumentieren?

Im Verdachtsfall helfen dem Tierarzt konkrete Daten erheblich mehr als die Aussage:

„Bei uns sind im Moment einige Kühe komisch.“

Dokumentiert werden sollten möglichst:

Tieridentifikation

  • Ohrmarkennummer,
  • Laktationsnummer,
  • Tier- bzw. Leistungsgruppe.

Zeitpunkt

  • Wann wurde die Veränderung erstmals beobachtet?
  • Wie lange bestanden die Symptome?

Körpertemperatur

  • Wurde Fieber gemessen?
  • Welche Temperatur?
  • An welchem Tag?

Milchleistung

  • Leistung vor der Erkrankung,
  • stärkster Leistungsabfall,
  • Dauer des Leistungsabfalls,
  • Erholung der Milchleistung.
  • Verdauung
  • Durchfall ja/nein,
  • Einzeltier oder mehrere Tiere,
  • Beginn und Dauer.

Futteraufnahme und Allgemeinbefinden

  • Fresslust,
  • Wiederkauaktivität,
  • Mattigkeit,
  • weitere Auffälligkeiten.

Reproduktion

  • Besamungsdatum,
  • Trächtigkeitstag,
  • Abort,
  • Totgeburt,
  • Frühgeburt,
  • auffälliges oder missgebildetes Kalb.
  • Bestandsebene
  • Wie viele Tiere sind betroffen?
  • Seit wann?
  • Welche Gruppen?
  • Treten die Fälle zeitlich gehäuft auf?

KASTEN 4 – DER 30-SEKUNDEN-ANRUF BEIM TIERARZT

Statt:

„Bei uns stimmt etwas mit den Kühen nicht.“

besser:

„Seit gestern haben fünf Kühe Fieber zwischen 39,8 und 40,5 °C. Vier davon haben gleichzeitig deutlich Milch verloren, drei haben Durchfall. Die Tiere stehen in derselben Gruppe. Zwei sind tragend. Könnte hier auch ein vektorübertragenes Virus wie SHAV, Schmallenberg oder Blauzunge eine Rolle spielen?“

Damit erhält der Hoftierarzt sofort Informationen, mit denen er arbeiten kann.


7. Der Landwirt stellt keine Diagnose

Dieser Punkt ist besonders wichtig.

Die beschriebenen Symptome sind nicht spezifisch für Shamonda-Virus.

Fieber, Milchleistungsabfall und Durchfall können viele Ursachen haben.

Auch Aborte und Totgeburten besitzen eine große Zahl infektiöser und nichtinfektiöser Ursachen.

Zu den wichtigen viralen Differenzialdiagnosen gehören unter anderem:

Schmallenberg-Virus (SBV) und Blauzungenvirus (BTV).

Gerade beim Schmallenberg-Virus können die Symptome adulter Rinder und die später auftretenden fetalen Schäden dem SHAV-Geschehen ähneln.

Deshalb sollte die Frage des Landwirts nicht lauten:

„Hat meine Kuh Shamonda?“

Sondern:

„Ist dieses ungewöhnliche Geschehen ein Grund, meinen Tierarzt einzuschalten und diagnostisch genauer hinzusehen?“


8. Was macht der Tierarzt?

Der betreuende Tierarzt beurteilt zunächst Tier und Bestand.

Er berücksichtigt dabei unter anderem:

  • klinische Symptome,
  • Zahl der betroffenen Tiere,
  • zeitlichen Verlauf,
  • Reproduktionsstatus,
  • andere Erkrankungsmöglichkeiten,
  • epidemiologische Situation.

Bei begründetem Verdacht kann anschließend eine Laboruntersuchung veranlasst werden.

Bei akut erkrankten Tieren kann der direkte Virusnachweis mittels RT-PCR erfolgen.

Geeignetes Untersuchungsmaterial hängt vom klinischen Fall und vom Zeitpunkt der Erkrankung ab.

Bei akut erkrankten Rindern kommen insbesondere Blutproben infrage.

Bei Aborten, Totgeburten oder missgebildeten Kälbern können fetale Gewebeproben, insbesondere aus dem zentralen Nervensystem, für die Diagnostik von besonderer Bedeutung sein.

Welche Probe benötigt wird und wohin sie geschickt werden soll, entscheidet der Tierarzt in Abstimmung mit dem zuständigen Untersuchungslabor.


9. Warum die Diagnose möglichst früh gestellt werden sollte

Bei einem akuten Virusgeschehen kann das Zeitfenster für einen direkten Erregernachweis begrenzt sein.

Deshalb sollte bei einer ungewöhnlichen Häufung klinischer Symptome nicht erst mehrere Wochen abgewartet werden.

Der Grundsatz lautet:

Lieber früh mit dem Tierarzt sprechen, als später die diagnostisch günstige Phase verpasst zu haben.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass bei jeder fiebernden Kuh umfangreiche Spezialdiagnostik notwendig ist.

Entscheidend ist die gemeinsame tierärztliche Beurteilung von Einzeltier und Bestand.


10. Was haben Gnitzen damit zu tun?

Shamonda-Viren werden sehr wahrscheinlich hauptsächlich durch Culicoides-Gnitzen übertragen.

Diese nur wenige Millimeter großen blutsaugenden Insekten sind in der Nutztierhaltung keine Unbekannten.

Auch andere bedeutende Viren können durch Gnitzen übertragen werden.

Die Aktivität der Gnitzen ist stark von Jahreszeit und Witterung abhängig. Deshalb besitzt das Infektionsrisiko eine deutliche saisonale Komponente.

Ein vollständiger Schutz der Tiere vor Gnitzen ist unter normalen landwirtschaftlichen Bedingungen kaum möglich.

Betriebsspezifische Maßnahmen zur Verringerung der Vektorexposition können dennoch sinnvoll sein.

Welche Maßnahmen im konkreten Betrieb zweckmäßig und gegebenenfalls tierarzneimittelrechtlich zulässig sind, sollte mit dem betreuenden Tierarzt abgestimmt werden.


KASTEN 5 – WAS WIR NOCH NICHT WISSEN

Bei einem neu auftretenden Virus ist es wichtig, zwischen gesichertem Wissen und offenen Fragen zu unterscheiden.

Noch nicht abschließend geklärt sind unter anderem:

  • Wie weit haben sich SHAV-EU1 und SHAV-EU2 tatsächlich verbreitet?
  • Wie viele Infektionen verlaufen ohne erkennbare Symptome?
  • Wie häufig entstehen nach einer Infektion während der Trächtigkeit tatsächlich fetale Schäden?
  • Welche Trächtigkeitsstadien sind bei SHAV besonders empfindlich?
  • Wie lange hält die Immunität nach einer Infektion an?
  • Schützt eine Infektion mit SHAV-EU1 auch gegen SHAV-EU2?
  • Welche weiteren Tierarten können infiziert werden?
  • Welche Culicoides-Arten sind bei uns die wichtigsten Überträger?

Deshalb wird sich unser Wissen in den kommenden Monaten voraussichtlich weiter verändern.


11. SHAV-EU1, SHAV-EU2 und Schmallenberg-Virus – warum sprechen Fachleute über „Reassortment“?

Dieser Punkt ist etwas komplizierter, aber auch für landwirtschaftliche Fachkräfte interessant.

Orthobunyaviren besitzen ihr Erbgut nicht in einem einzigen Stück.

Das Genom besteht aus drei RNA-Segmenten.

Vereinfacht kann man sich diese als drei genetische Bausteine vorstellen.

Wenn verwandte Viren gleichzeitig zirkulieren und geeignete Voraussetzungen vorliegen, können bei solchen segmentierten Viren theoretisch komplette Genomsegmente neu kombiniert werden.

Fachleute sprechen von Reassortment.

In Deutschland zirkulieren derzeit mit SHAV-EU1, SHAV-EU2 und Schmallenberg-Virus

mehrere eng verwandte Orthobunyaviren der Simbu-Gruppe.

Deshalb ist die weitere virologische Überwachung wichtig.

Aber:

Aus der Möglichkeit eines Reassortments darf nicht die Schlagzeile entstehen:

„Jetzt entsteht ein gefährlicheres Virus.“

Das wissen wir nicht.

Es handelt sich um einen virologisch wichtigen Mechanismus, der wissenschaftlich beobachtet werden muss – nicht um einen Grund zur Panik im Rinderstall.


12. Und was ist mit Menschen?

Nach dem derzeitigen Kenntnisstand gibt es keinen Nachweis einer klinischen Erkrankung des Menschen durch das aktuelle Shamonda-Virus-Geschehen.

Es gibt daher gegenwärtig keinen Anlass, SHAV als relevantes Zoonoserisiko für Landwirte, Tierärzte oder Verbraucher einzustufen.

Bei einem neu auftretenden Erreger ist dennoch eine wissenschaftlich saubere Formulierung wichtig:

Nicht:

„Das Virus ist absolut ungefährlich für Menschen.“

Sondern:

„Nach aktuellem Kenntnisstand gibt es keinen Nachweis einer klinischen Erkrankung des Menschen.“


 

13. Was bedeutet das für die nächsten Monate?

Das Infektionsgeschehen des Sommers 2026 könnte für Rinderhalter noch nicht abgeschlossen sein, wenn die Gnitzensaison endet.

Denn mögliche Folgen einer Infektion während der Trächtigkeit können zeitversetzt sichtbar werden.

Deshalb sollte insbesondere bei

  • Aborten,
  • Totgeburten,
  • lebensschwachen Kälbern und
  • angeborenen Fehlbildungen

auch in den folgenden Monaten an ein vorausgegangenes vektorübertragenes Infektionsgeschehen gedacht werden.

Hier zeigt sich der große Wert einer guten betrieblichen Dokumentation.

Ein Herdenmanager, der heute einen ungewöhnlichen Fieberschub und Milchleistungsabfall dokumentiert, liefert möglicherweise Monate später die entscheidende Information für die Einordnung eines Abortgeschehens oder eines missgebildeten Kalbes.


KASTEN 6 – DIE AVA-STALL-CHECKLISTE

Könnte in meinem Bestand ein ungewöhnliches Virusgeschehen vorliegen?

Bitte nicht als Selbstdiagnose verwenden.

Die Checkliste soll helfen zu entscheiden, wann der Hoftierarzt informiert werden sollte.

Heute im Bestand:

☐ mehrere Tiere mit Fieber?

☐ plötzlich deutlicher Milchleistungsabfall?

☐ mehrere Tiere mit Durchfall?

☐ auffällige Mattigkeit oder reduzierte Futteraufnahme?

☐ mehrere ähnliche Fälle innerhalb weniger Tage?

Reproduktion:

☐ ungeklärter Abort?

☐ Totgeburt?

☐ Frühgeburt?

☐ lebensschwaches Kalb?

☐ Kalb mit auffälliger Körperhaltung oder Fehlstellungen?

☐ angeborene Fehlbildungen?

Rückblick:

☐ gab es Wochen oder Monate zuvor ein ungewöhnliches Fiebergeschehen?

☐ gab es damals gehäuft Durchfall?

☐ zeigen die Herdenmanagementdaten auffällige Milchleistungseinbrüche?

☐ waren die heute betroffenen Muttertiere damals tragend?

Wenn mehrere Punkte zusammenpassen: Tierarzt informieren.

Nicht selbst entscheiden: „Das ist Shamonda.“

Sondern dem Tierarzt sagen: „Wir beobachten eine ungewöhnliche Häufung. Könnte auch ein vektorübertragenes Virus im Spiel sein?“


 

14. Eine wichtige Aufgabe für Herdenmanager und Produktionsleiter

Moderne Bestandsbetreuung bedeutet mehr als das Erkennen eines kranken Einzeltieres.

Der Herdenmanager verfügt heute über Informationen, die für die Früherkennung eines Infektionsgeschehens ausgesprochen wertvoll sein können:

Milchleistung, Aktivität, Wiederkauverhalten, Körpertemperatur, Fruchtbarkeitsdaten, Besamungszeitpunkte, Aborte und Gesundheitsbehandlungen.

Die eigentliche Stärke liegt in der Verknüpfung dieser Daten mit der täglichen Tierbeobachtung.

Genau hier ergänzen sich Landwirtschaft und Tiermedizin.

Der Landwirt und Herdenmanager sieht die Tiere jeden Tag.

Der Hoftierarzt kann klinische Befunde einordnen, Differenzialdiagnosen erstellen und eine gezielte Labordiagnostik veranlassen.

Das Labor kann schließlich klären, ob tatsächlich ein bestimmter Erreger beteiligt ist.

Keiner dieser drei Bereiche ersetzt den anderen.


KASTEN 7 – DIE AUFGABENTEILUNG

LANDWIRT / HERDENMANAGER

beobachtet → erkennt Veränderungen → dokumentiert → informiert

TIERARZT

untersucht → bewertet → stellt Differenzialdiagnosen → nimmt gezielt Proben

LABOR

untersucht → differenziert → sichert den Erregernachweis

Gemeinsam entsteht daraus: BESTANDSTIERMEDIZIN.


15. Fazit für den Rinderbetrieb

Das Auftreten von SHAV-EU1 und SHAV-EU2 ist kein Grund für Alarmismus.

Es ist aber ein guter Grund für aufmerksame Tierbeobachtung und konsequente Dokumentation.

Besonders aufmerksam sollten Milchviehhalter und Herdenmanager werden, wenn mehrere Tiere innerhalb kurzer Zeit gleichzeitig

Fieber, Durchfall und einen deutlichen Milchleistungsabfall

zeigen.

Noch wichtiger können in den kommenden Monaten möglicherweise

Aborte, Totgeburten und angeborene Fehlbildungen

werden.

Dabei sollte immer berücksichtigt werden, dass diese Symptome viele unterschiedliche Ursachen haben können.

Die Aufgabe des Landwirts besteht deshalb ausdrücklich nicht darin, Shamonda-Virus selbst zu diagnostizieren.

Seine wichtige Aufgabe lautet:

Auffälligkeiten früh erkennen und den Hoftierarzt mit guten Informationen versorgen.

Denn moderne Bestandsmedizin funktioniert dann am besten, wenn Tierhalter, Herdenmanager, Tierarzt und Diagnostiklabor eng zusammenarbeiten.


DIE AVA-PRAXISREGEL ZUM MITNEHMEN

SEHEN: Was verändert sich bei meinen Tieren?

ERKENNEN: Ist es ein Einzelfall – oder entsteht ein Muster?

DOKUMENTIEREN: Welche Tiere? Wann? Welche Symptome? Welche Leistung? Welches Trächtigkeitsstadium?

TIERARZT INFORMIEREN

Frühzeitig und mit konkreten Daten.

UNTERSUCHEN: Bei begründetem Verdacht gezielte Diagnostik veranlassen.

Nicht jedes Fieber ist Shamonda.

Aber ein ungewöhnliches Bestandsmuster sollte untersucht werden.


Autor: EG Hellwig, Fachtierarzt & Agrarwissenschaftler, Gründer und Leiter der

                                   Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA)

Stand der Fachinformation: September 2026

 

Fachliche Grundlagen und weiterführende Informationen

    • FriedrichLoeffler-Institut (FLI): Informationen zum Auftreten Shamonda-Virus-verwandter Orthobunyaviren in Deutschland, August/September 2026.
    • FriedrichLoeffler-Institut (FLI): Steckbrief Shamonda-Virus (SHAV), Stand 03.09.2026.
    • Kelleci M. et al.: Detection of a novel Shamonda Orthobunyavirus in dairy cattle, France, June 2026. Eurosurveillance, 2026.
    • Institut für Virologie und Immunologie (IVI), Schweiz: Fachinformationen zum Auftreten des ShamondaVirus in der Schweiz.

Hinweis: Dieser AVA-Praxisleitfaden dient der fachlichen Information von Tierhaltern, Herdenmanagern und landwirtschaftlichen Beratern. Er ersetzt weder die tierärztliche Untersuchung noch die individuelle Beratung des landwirtschaftlichen Betriebes.

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