Heimtiere werden zum Luxusgut – Herausforderungen für die Veterinärmedizin

"Mein Haus, mein Boot, mein Hamster"

In Deutschland leben aktuell rund 34 Millionen Heimtiere, darunter etwa 10,5 Millionen Hunde und 15,9 Millionen Katzen.

Nach dem Corona-Boom stagniert die Zahl der Hunde und Katzen, während die Zahl der Kleinsäuger weiter sinkt.

Dennoch steigen die Ausgaben der Tierhalter deutlich an: Für 2024 werden die privaten Ausgaben für Heimtiere auf über 18 Milliarden Euro geschätzt, davon fließen rund 4 Milliarden Euro direkt oder indirekt in die tierärztliche Versorgung. Diese Zahlen zeigen die wachsende wirtschaftliche Bedeutung der Heimtierhaltung und die gesundheitspolitische Relevanz der Tiermedizin.

GOT-Novelle 2022: Wirtschaftlich notwendig, kommunikativ herausfordernd

Die Novelle der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) im Jahr 2022 führte zu einem durchschnittlichen Preisanstieg tierärztlicher Leistungen um etwa 27 %. Dies war für viele Praxen wirtschaftlich überlebenswichtig, brachte aber kommunikative Herausforderungen mit sich, da die höheren Kosten oft erklärungsbedürftig sind. Die Heimtierstudie bestätigt, dass der Umsatzsprung im Veterinärwesen zwischen 2022 und 2023 maßgeblich auf die GOT-Novelle zurückzuführen ist.

Strukturwandel in der Tiermedizin

Die Zahl der Kleintierkliniken hat sich bundesweit auf rund 60 halbiert. Grund dafür ist vor allem die 24/7-Notdienstpflicht, die wirtschaftlich und personell schwer zu stemmen ist. Stattdessen entstehen größere Tiergesundheitszentren und Praxiseinheiten mit regionaler Notdienstkonzentration. Für klassische Praxen bedeutet dies mehr Notfälle und höhere Erwartungen bei oft gleichbleibender Personaldecke – eine erhebliche Belastung.

Versicherte Tiere verändern die Praxisdynamik

Der Markt für Tierkrankenversicherungen wächst zweistellig und liegt inzwischen bei über 700 Millionen Euro Umsatz. Besonders Katzen sind zunehmend versichert. Versicherte Tiere verändern die Beratungssituation: Diagnostik wird häufiger akzeptiert, Operationen schneller durchgeführt, und die Kostenfrage tritt oft in den Hintergrund. Gleichzeitig bringen Versicherungen neue Herausforderungen mit sich, etwa bei der Kommunikation von Selbstbehalten, Höchstsätzen und Ausschlüssen, was zu mehr Beschwerden führen kann.

Medizinisch anspruchsvollere Fälle und neue Therapieformen

Die Tiermedizin wird zunehmend komplexer: Es gibt mehr ältere Tiere, chronisch Kranke und Multimorbidität. Zudem übernehmen Tierärzte immer mehr Verfahren aus der Humanmedizin, wie Bildgebung und Onkologie. Parallel wächst der Markt für Tierphysiotherapie, der sich von einer Nische zu einem stabilen Zusatzmarkt entwickelt, vor allem für die postoperative Behandlung.

 Tierheime und gesellschaftliche Verantwortung

Seit 2022 melden Tierheime deutlich mehr Abgaben, oft wegen hoher Tierarztkosten. Viele abgegebene Tiere sind älter oder krank und erfordern hohen medizinischen Aufwand. Dies stellt Tierärzte vor ein Dilemma: Nicht alle medizinisch möglichen Maßnahmen sind wirtschaftlich tragbar oder gesellschaftlich vermittelbar.

 Fazit: Tiermedizin als Wachstumsmarkt mit neuen Anforderungen

Die Heimtierstudie zeigt, dass die Tiermedizin weiterhin wächst – aber nur für diejenigen, die sich strukturell, kommunikativ und unternehmerisch weiterentwickeln. Für die Praxis bedeutet das:

- Weniger Routinefälle, mehr komplexe Entscheidungen

- Mehr Kommunikation und weniger Automatismen

- Größere Verantwortung für Tierärzte, medizinisch und ökonomisch

Wer auf eine Rückkehr zu „früheren Zeiten“ hofft, wird enttäuscht. Strategische Aufstellung, transparente Kommunikation und ein gut eingespieltes Team sind heute entscheidend für den Erfolg.

 

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