„Lebensmittelproduktion gehört zur Landesverteidigung“

Vom „Turbo“ in der GAP unter Agrarkommissar Hansen bis zu Themen wie der Versorgungssicherheit, der Stärkung des ländlichen Raums, dem Renaturierungsgesetz und der Entwaldungsverordnung – EU-Abgeordneter Alexander Bernhuber erklärt, wie diese in Brüssel getroffenen Entscheidungen auch Tirol betreffen.

Alexander Bernhuber ist Abgeordneter des Österreichischen Bauernbundes zum Europäischen Parlament und Mitglied des Landwirtschafts-, Umwelt- und Petitionsausschusses. Bereits in seiner zweiten Periode vertritt er die heimischen bäuerlichen Anliegen auf EU-Ebene. Im Interview mit der Tiroler Bauernzeitung sprach der Niederösterreicher über die aktuellen agrarpolitischen Entwicklungen auf EU-Ebene und deren Auswirkungen auf Tirol.

Herr Abg. Bernhuber, nachdem EU-Agrarkommissar Christophe Hansen seine Vision für die GAP präsentierte, sprachen Sie von einem „Turbo“ für die Agrarpolitik. Sehen Sie das immer noch so?

Bernhuber: Um das zu beantworten, muss ich zuerst auf Agrarkommissar Christophe Hansen eingehen. Sein Vorgänger, Janusz Wojciechowski, war für die österreichischen Bauern kaum präsent. Hansen hingegen ist selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen und war schon im Januar in Österreich, um sich ein Bild von unserer Landwirtschaft zu machen. Er sucht gezielt den Austausch mit praktizierenden Landwirten und fragt nach ihren Anliegen. Dieser persönliche Ansatz ist deutlich spürbar und verspricht eine praxisnahe Sicht auf die EU-Agrarpolitik.

Was bedeutet das für den praktizierenden Bauern?

Hansens Vision ist es, die Landwirtschaft zu entlasten – mit weiteren Erleichterungen im Rahmen der GAP, weniger Kontrollen und weniger bürokratischen Auflagen. So bleibt mehr Zeit für das Wesentliche: das Vieh und die Arbeit auf den Höfen. Sein Ziel ist es, die flächendeckende Landwirtschaft und die Zukunft junger Bäuerinnen und Bauern zu sichern. Ein weiteres wichtiges Thema für ihn ist die regionale Versorgungssicherheit, ein Begriff, der vor seiner Amtszeit nahezu tabu war.

Weshalb spielt die Versorgungssicherheit trotz Globalisierung so eine große Rolle?

Wenn wir über zukünftige Budgets für Verteidigung sprechen, müssen wir auch die Landwirtschaft und die Selbstversorgung in den Blick nehmen. Die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln ist genauso wichtig wie die militärische Landesverteidigung.

Im Kontext von Europa muss auch die Entwicklung des ländlichen Raums strategisch analysiert werden: Ländliche Räume in Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder Polen dürfen nicht weiter ausbluten, sonst droht Entsiedelung. In diesem Fall würden diese Länder zum einfachsten Einfallsgebiet für Kriegsparteien. Wir brauchen EU-weit verpflichtende Zahlungen für einen lebendigen ländlichen Raum mit aufrechterhaltener Landwirtschaft.

Diese Zahlungen sind in der zweiten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik für ländliche Entwicklung doch vorgesehen?

Auf EU-Ebene wird derzeit intensiv über die Zukunft der ländlichen Fördermittel diskutiert. Ein Vorschlag sieht vor, Fördermittel für die regionale Entwicklung in einen gemeinsamen Topf zu überführen. Durch diese Zentralisierung wird jedoch nicht genügend auf die regionalen Bedürfnisse eingegangen – eine Gefahr für den Fortbestand eines lebenswerten ländlichen Raums… .

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