Luxuriöse Tierarztpraxen eröffnen in Frankfurt

Am 18. August hat die Tierarztpraxis „Rex“ im Ostend eröffnet. Große Ketten, die veterinärmedizinische Praxen betreiben, sind in Frankfurt mittlerweile keine Seltenheit mehr. Die Landestierärztekammer sieht diese Entwicklung kritisch.

Ein holzverkleideter Empfangstresen, indirekte Beleuchtung und ein strahlendes Lächeln zur Begrüßung: Die neueröffnete Tierarztpraxis „Rex“ im Ostend wirkt, als gäbe es hier Schönheitsbehandlungen anstelle von Kastrationen, Wurmkuren und Impfungen.

Das Versprechen: ein stressfreier Praxisbesuch durch getrennte Wartezimmer für Hunde und Katzen, Pheromone, die aufgeregte Tiere beruhigen sollen und die neueste Technik für Diagnostik und Behandlung. Außerdem gebe es regelmäßige Fortbildungen und ein Schichtsystem, das mehr Planbarkeit für die Angestellten ermögliche, so die Praxismanagerin Anna Opper-Rauch.

Hinter Praxis-Ketten stecken Kapitalinvestoren

Bei „Rex“ handelt es sich um eine Tierpraxis-Kette, die unter anderem in Köln und Hamburg vertreten ist. Eine weitere Praxis soll im Herbst in Frankfurt-Bockenheim eröffnet werden. Gegründet wurde das Unternehmen von Jonathan Loesing und Julian Lechner. Im Gespräch mit dem JOURNAL erklärt Loesing, „Rex“ setzte auf Digitalisierung und eine umfassende Ausstattung. „Wir haben eine Marktlücke gesehen. Tiermedizin ist hinten dran, was Innovation betrifft.“ Bei „Rex“ gibt es daher auch eine App, mit der man online Termine buchen kann, Erinnerungen für die nächste Impfung bekommt und die elektronische Patientenakte einsehen kann.

Hinter der Kette „Rex“ steht unter anderem der Kapitalinvestor Vorwerk Ventures. Insgesamt hatten Investoren rund fünf Millionen Euro in die Jungfirma investiert. Vorwerk Ventures ist als Tochterunternehmen aus Vorwerk – bekannt für „Thermomix“ und „Kobold“-Staubsauger – hervorgegangen und mittlerweile unabhängig. Ein Venture Capital Investor, wie in diesem Fall Vorwerk Ventures, stellt einem Unternehmen Eigenkapital zur Verfügung und erhält im Gegenzug eine Beteiligung in Form von Geschäftsanteilen an diesem Unternehmen, wird also Miteigentümer.

Nicht die einzige Praxis in Frankfurt und Rhein-Main

Am 1. September dieses Jahres, also nur zwei Wochen nach der Eröffnung von „Rex“, hat im Frankfurter Nordend eine weitere Praxis die Arbeit aufgenommen: die Tierpraxis-Kette „Filu“. Auch sie wurde mit rund fünf Millionen Euro Startkapital durch Venture-Capital-Firmen ausgestattet. Sie hat neben Frankfurt bereits Praxen in Berlin, Köln, Düsseldorf, Hamburg und München.

Die Tierklinik in Hofheim wird ebenfalls von einer großen Kette betrieben: Evidensia hatte die Tierklinik, bei der es sich um die größte Deutschlands handelt, 2021 übernommen. Der internationale Konzern Evidensia betreibt in über 19 europäischen Ländern veterinärmedizinische Praxen. Bei der Übernahme schaltete sich 2021 sogar das Bundeskartellamt ein. Sowohl das Private-Equity-Unternehmen EQT als auch der Lebensmittelriese Nestlé haben eine Beteiligung an Evidensia.

Auch hinter der Tierklinik Kalbach steht ein großes Lebensmittelunternehmen: AniCura, das 2018 vom Schokoriegelhersteller Mars übernommen wurde, betreibt die Klinik. Der Trend hin zu Praxisketten ist in den USA, Skandinavien und Großbritannien bereits weit verbreitet und nun auch in Frankfurt Normalität.

Woher kommt der Trend hin zu großen Ketten?

Im Gespräch mit Sabine Tacke, der Präsidentin der hessischen Landestierärztekammer wird deutlich, warum große Konzerne ein lukratives Geschäft in der Tiermedizin sehen. Ihr Vorteil sei es, dass innerhalb größerer Strukturen medizinisches Material deutlich billiger eingekauft werden kann. Auch sei der große bürokratische Aufwand aufgrund dieser Strukturen geringer.

Tacke berichtet von vielen Fällen, in denen Inhaber von Tierarztpraxen ungern ihren Betrieb an große Ketten verkaufen wollen, jedoch vorm Ruhestand niemanden finden, der den Betrieb übernehmen möchte. Letztlich bleibe den Inhabern dann nichts anderes übrig, als doch zu verkaufen.

Berufe in der Veterinärmedizin, besonders im Bereich der Nutztiere, hatten zuletzt einen Mangel an Nachwuchs zu verzeichnen. Der Fachkräftemangel gefährdet insbesondere in der Nacht und am Wochenende die Versorgung von Notfällen. Vor allem ländliche Gebiete leiden.

Kritik vonseiten der Landestierärztekammer

Tacke sieht die Entwicklungen hin zu einem Kettenmodell in der Versorgung eher kritisch. Sie betrachtet zwar den billigeren Einkauf für große Ketten als Vorteil und auch die vereinfachte Buchhaltung durch große Strukturen wirke sich positiv aus – jedoch sei der Beruf des Tierarztes innerhalb einer solchen Kette nicht mehr frei praktizierbar, weil mit großen Konzernen auch starre Vorgaben einhergingen.

Die Freiheit, die eigene Methode selbst auszuwählen, gebe es in einem solchen Unternehmen nicht mehr, so Tacke. „Die Methode der Behandlung hängt vom Operationsbesteck ab, wenn es jedoch nur bestimmtes Besteck gibt, kann man auch nur eine bestimmte Methode anwenden“, erklärt sie. Die Therapiefreiheit sei dann nicht mehr gewährleistet. Tacke berichtet, dass sie seit circa drei Jahren beobachte, dass Praxisinhaber, die ihre Praxis verkauft haben und von dann an als Geschäftsführer tätig waren, diese nach kurzer Zeit verlassen haben.

Tacke befürchtet, dass das groß angelegte Geschäft mit der Tiermedizin schon bald nicht mehr lukrativ sein wird und die Konzerne die Praxen dann wieder abstoßen könnten. In diesem Fall sei die angemessene medizinische Versorgung gefährdet.

Weniger Bürokratie, flexiblere Arbeitszeiten und mehr Wertschätzung

Doch was wäre nötig, um Berufe in der Tiermedizin auch in puncto Selbstständigkeit wieder attraktiver zu machen? Zunächst einmal müsse der bürokratische Aufwand vermindert werden, den Tacke als enormen Zeitfresser beschreibt. Es gäbe Formulare, die man nur mit den Worten „knicken, lochen, abheften“ betiteln könne. Der große Verwaltungsaufwand sei ein Grund, warum viele sich die Selbstständigkeit nicht mehr vorstellen könnten.

Auch das unflexible Arbeitszeitgesetz stellt in ihren Augen ein Problem dar. Dieses führe beispielsweise dazu, dass man eine Nachtschicht nicht alleine durcharbeiten kann, sondern sich die Arbeitszeit aufteilen muss. Laut Arbeitszeitgesetz sind nicht mehr als acht bis zehn Stunden Arbeit am Tag und danach mindestens elf Stunden Pause vorgesehen. Das sei im tierärztlichen Notdienst aber schwer einzuhalten und nach einer Nachtschicht sei man ohnehin müde, auch wenn es „nur“ acht Stunden sind, argumentiert sie. Bundes- und Landestierärztekammern forderten bereits 2023 gemeinsam mit dem Bundesverband praktizierender Tierärzte e.V. eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes.

Vonseiten der Tierhalter wünscht sich Tacke mehr Verantwortung. Sie appelliert: „Bevor man sich ein Tier anschafft, sollte man sich genau überlegen: Kann ich mir das überhaupt leisten?“ Außerdem fordert Tacke eine adäquatere Bezahlung und insgesamt mehr Wertschätzung für die Arbeit in den Praxen.

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