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Der Fachkräftemangel in der Schweizer Tiermedizin bleibt angespannt. Besonders in ländlichen Regionen und Berggebieten wird es zunehmend schwieriger, die tierärztliche Versorgung und den Notfalldienst sicherzustellen. Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) fordert mehr Studienplätze, bessere Arbeitsbedingungen und eine Entlastung der Tierarztpraxen. Die Entwicklung ist auch für Deutschland von Bedeutung: Eine flächendeckende tierärztliche Betreuung ist unverzichtbar für Tiergesundheit, Tierschutz und eine verantwortungsvolle Nutztierhaltung.
Wenn die Tierärztin nicht mehr kommt – Tierärztemangel gefährdet die Versorgung von Nutztieren
Tierärztliche Versorgung zunehmend unter Druck

Foto: EG Hellwig / AVA
- 23.10.2026
- Von: Ernst-Günther Hellwig
beruflichen Rahmenbedingungen. Während ältere Generationen häufig in Vollzeit und mit umfangreichen Bereitschaftsdiensten tätig waren, bevorzugen jüngere Kolleginnen und Kollegen zunehmend geregelte Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle und Angestelltenverhältnisse.
Dies ist nicht grundsätzlich negativ zu bewerten. Allerdings muss die tierärztliche Versorgung entsprechend organisiert und personell abgesichert werden.
Gerade im Nutztierbereich mit seinen unvorhersehbaren Notfällen stellt dies eine erhebliche organisatorische Herausforderung dar.
Besonders kritisch: Nutztierpraxis und Notfalldienst
In Bergregionen und dünn besiedelten Gebieten verschärft sich die Situation zusätzlich.
Lange Anfahrtswege, vergleichsweise wenige Tierhaltungsbetriebe und die notwendige Rufbereitschaft erschweren eine wirtschaftlich tragfähige tierärztliche Versorgung.
Die GST warnt ausdrücklich davor, dass im schlimmsten Fall künftig keine tierärztliche Hilfe mehr rechtzeitig verfügbar sein könnte.
Für die Nutztierhaltung hätte dies unmittelbare Konsequenzen:
Verzögerte Behandlung akuter Erkrankungen und Verletzungen
Schwierigkeiten bei geburtshilflichen Notfällen
Eingeschränkte Betreuung von Kälbern, Milchkühen und anderen Nutztieren
Höhere Kosten durch längere Anfahrtswege
Zusätzliche Belastungen für Tierhalter und verbliebene Tierarztpraxen
Besonders problematisch wäre der Verlust einer kontinuierlichen tierärztlichen Bestandsbetreuung.
Denn moderne Nutztiermedizin besteht längst nicht mehr ausschließlich aus der Behandlung erkrankter Tiere. Prävention, Fütterungsberatung, Fruchtbarkeitsmanagement, Biosicherheit und die frühzeitige Erkennung von Gesundheitsproblemen gehören zu ihren zentralen Aufgaben.
Tiermedizinische Praxisassistenz als Teil der Lösung
Die GST setzt sich deshalb auch für eine Weiterentwicklung der tiermedizinischen Praxisassistenz ein.
Tiermedizinische Praxisassistentinnen und -assistenten (TPA) übernehmen bereits heute zahlreiche unterstützende Aufgaben in den Praxen. Durch zusätzliche Qualifikationen könnten sie Tierärztinnen und Tierärzte weiter entlasten.
Auch für den Nutztierbereich bestehen entsprechende Ausbildungsschwerpunkte.
Allerdings fehlt es nach Angaben der GST inzwischen ebenfalls an ausreichend qualifizierten TPA. Ein dreijähriges Projekt der zuständigen Berufsorganisation soll deshalb die Ausbildungskapazitäten erhöhen.
Die fachliche Verantwortung und die gesetzlich dem Tierarzt vorbehaltenen Tätigkeiten bleiben dabei selbstverständlich bei den Tierärztinnen und Tierärzten.
AVA-Einordnung: Tierärztliche Bestandsbetreuung ist unverzichtbar
Die Entwicklung in der Schweiz sollte auch in Deutschland aufmerksam verfolgt werden.
Insbesondere in der landwirtschaftlichen Nutztierpraxis sind bereits heute Fragen der Praxisnachfolge, der wirtschaftlichen Tragfähigkeit, der Arbeitsbelastung und der Organisation von Notdiensten von erheblicher Bedeutung.
Aus Sicht der Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA) darf die Diskussion deshalb nicht allein auf die Zahl der verfügbaren Tierärztinnen und Tierärzte reduziert werden.
Entscheidend ist, ob auch künftig eine qualifizierte, wirtschaftlich tragfähige und flächendeckende tierärztliche Betreuung der Nutztierbestände gewährleistet werden kann.
Dabei kommt der engen Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tiermedizin eine besondere Bedeutung zu.
Gut ausgebildete Landwirte, eine systematische Tierbeobachtung, ein funktionierendes Gesundheitsmanagement und eine regelmäßige tierärztliche Bestandsbetreuung können Erkrankungen frühzeitig erkennen und vermeiden helfen.
Das verbessert nicht nur das Tierwohl, sondern kann auch den notwendigen Arzneimitteleinsatz reduzieren.
Weniger Tierarzneimittel durch bessere Tiergesundheit – niemals durch das Unterlassen notwendiger Behandlungen.
Der Fachkräftemangel darf nicht dazu führen, dass kranke Tiere zu spät oder gar nicht behandelt werden.
AVA-Fazit
Der Schweizer Bericht macht deutlich, wie eng die Zukunft der Nutztierhaltung mit einer leistungsfähigen tierärztlichen Versorgung verbunden ist.
Mehr Ausbildungsplätze allein werden das Problem nicht lösen. Ebenso notwendig sind attraktive Arbeitsbedingungen, tragfähige Praxisstrukturen, weniger Verwaltungsaufwand und eine angemessene Honorierung tierärztlicher Leistungen.
Die Nutztierpraxis muss auch für die nächste Generation von Tierärztinnen und Tierärzten beruflich attraktiv bleiben.
Denn eine Nutztierhaltung ohne erreichbare Tierärztinnen und Tierärzte ist weder aus Gründen des Tierschutzes noch aus Sicht einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion vorstellbar.
Quelle: Schweizer Bauer, „Wenn die Tierärztin nicht mehr kommt“, unter Berufung auf Auskünfte der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST).














